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Ein Konzept zur Behandlung von Patientinnen und Patienten mit Essstörungen

Anorexie und Bulimie gehören zu den häufigsten kinder- und jugendpsychiatrischen Erkrankungen und können sich bis ins Erwachsenenalter ausdehnen. Laut Bundesfachverband für Ess­störungen leiden 5% aller Frauen zwischen 14 und 35 Jahren an einer Essstörung.

Essstörungen sind keine Ernährungsstörungen, sondern Er­kran­kun­gen mit ernstzunehmenden körperlichen, psychi­schen und oft sozialen Folgen. Essgestört sind Menschen, deren Um­gang mit Nahrung einen unangemessenen Stellenwert in ihrem Leben einnimmt. Essen oder die Kontrolle über das Essen wird als Problemlösung, als Ersatz für nicht gelebte Ge­fühle, als Konfliktvermeidung, als Stressbewältigung oder als Trost benutzt. Der Körper wird über die Nahrungsaufnahme mani­puliert. Die Gedanken an das Essen oder seine Vermeidung füllen einen Großteil des Tages oder der Nacht.

Das gängige Schönheitsideal erzeugt bei Frauen und viel seltener auch bei Männern den Wunsch nach einer „perfekten“ Figur und ist bei der Anorexie die Triebfeder, sich diesem Ideal um jeden Preis anzunähern. Die ohnehin meist überhöhten Ansprüche an sich selbst führen zu verzerrten Maßstäben und machen es den Frauen schwer, mit sich und ihrem Kör­per zufrieden zu sein. Diäten und Schlankheitsmittel oder Miss­brauch von Abführmitteln können der Einstieg in eine Ess­störung sein.

Mit der Bulimie, der sogenannten Ess-Brechsucht, sind häufig Scham- und Schuldgefühle verbunden, weshalb die Betroffenen sich zurückziehen. Um mit dem Alleinsein fertig zu werden, treten wiederum bulimische Verhaltensweisen auf – ein Kreislauf entsteht.

Einige Verhaltensweisen Essgestörter können suchtartigen Charak­ter annehmen, weswegen es den Betroffenen oft nicht gelingt sich aus eigener Kraft und ohne fachliche Unterstützung von ihrer Essstörung zu befreien. Dabei werden Angehörige beim Helfenwollen immer wieder in den Strudel des Scheiterns mit hineingezogen. Sie fühlen sich hilflos und überfordert und suchen die Schuld für die Erkrankung auch bei sich. Handelt es sich bei den Erkrankten um Mütter, sind deren Kinder durch die Probleme der Mutter mit betroffen und die Grundlage für eine eigene Essstörung kann gelegt werden.
Aufgrund der verschiedenen Ebenen, die bei der Manifestation der Erkrankung eine Rolle spielen, ist ein integriertes Vorgehen unter Einbeziehung des persönlichen, familiären und sozialen Kontextes wichtig.

Diagnose

Nach dem derzeit gängigen Klassifikationssystem ICD-10 stellt sich die Anorexia nervosa (F50.0), auch Magersucht genannt, wie folgt dar: sie ist durch einen absichtlich herbeigeführten oder aufrechterhaltenen Gewichtsverlust charakterisiert. Es besteht die Angst vor einem dicken Körper und einer schlaf­fen Körperform als tiefverwurzelte überwertige Idee und die Betroffenen haben eine sehr niedrige Gewichtsschwelle für sich selbst festgelegt. Meist liegt Unterernährung verschiedenen Schweregrades vor, die zu körperlichen Funktionsstörungen führt. Zu den Symptomen gehören eingeschränkte Nahrungs­auswahl, übertriebene körperliche Aktivitäten, selbstindu­zier­tes Erbrechen und Abführen oder der Gebrauch von Appetit­züglern und Diuretika. Wiederholtes Erbrechen kann zu Elektro­lyt­störungen und körperlichen Komplikationen führen.

Meist beschäftigen sich Magersüchtige in übertriebenem Maße mit ihrem Körper oder der Nahrungsmittelaufnahme. Zu den typischen Verhaltensweisen gehören das Kalorienzählen, der Blick in den Spiegel oder auf die Waage, um das vermeintlich erstrebenswerte Gewicht  und die entsprechende Figur zu erreichen. Es besteht die Hoffnung, dass mit dem idealen Körper verschiedene andere Probleme verschwinden.

Die Bulimia nervosa  (F 50.2), auch Ess-Brechsucht genannt, ist laut ICD-10 ein Syndrom, das durch wiederholte Anfälle von Heißhunger und einer übertriebenen Beschäftigung mit der Kontrolle des Körpergewichts charakterisiert ist. Dies führt zu einem Verhaltensmuster von Essanfällen und Erbrechen oder Gebrauch von Abführmitteln. Viele psychische Merkmale dieser Störung ähneln der von Anorexia nervosa, so die übertriebene Sorge um Körperform und Gewicht. Manchmal lässt sich in der Anamnese eine frühere Episode einer Anorexia nervosa mit einem Intervall von einigen Monaten bis zu mehreren Jahren nachweisen.

Typisch für Esssüchtige ist ein Schamgefühl wegen der unkontrollierten Essanfälle mit großen Essensmengen und deren Hinunterschlingen. Hinter einer perfekten Fassade führen die Betroffenen ein heimliches, unkontrolliertes für sie selbst ekelhaftes Dasein und geraten so in die Isolation.

Noch nicht im offiziellen Diagnosekatalog findet man die Binge Eating Disorder (BED), die charakterisiert ist durch Heiß­hungeranfälle und einem abwechselnd restrik­tiven und unkon­trollierten Essverhalten. Hunger- und Sättigungsgefühl werden nicht wahrgenommen und Gegenmaßnahmen zum Abnehmen bestehen, außer in erfolglosen Diäten, keine. Stattdessen steht Bewegungsarmut und das Hinunterschlucken von Gefühlen im Vordergrund.



Therapieziele

Neben dem Schwerpunkt, ein gesundes Ernährungs- und Ess­verhalten aufzubauen, werden in den versciedenen Gruppen und im Einzelgespräch folgende weitere Ziele verfolgt

  • die Steigerung des Selbstwertgefühls bzw. die Abkoppelung der Selbstakzeptanz von der Figur  
  • Bewusstmachen des verzerrten Körperbildes und Verbes­serung der Körperwahrnehmung
  • Aufgabe schädigender Gewichtskontrollmethoden und Um­gang mit Heißhungerattacken
  • anhand der Themen Ansprüche und Abgrenzung werden Kommunikationsdefizite ausgeglichen und so das Auto­nomie­bestreben gefördert
  • Wiedererlangen der Genussfähigkeit
  • Informationsvermittlung über die körperlichen Auswirkun­gen von Fehl- und Mangelernährung sowie eines Medikamen­ten­missbrauchs

Multimodales stationäres Therapiekonzept

Erster Schritt ist die Aufklärung der Patientinnen über die bio-psycho-sozialen Zusammenhänge der Krankheit und die Notwendigkeit der Gewichtsrehabilitation. Es folgen Thera­pien auf den verschiedenen Ebenen im Einzelgespräch, in der Gruppe und im familiären Rahmen.

Wichtige Voraussetzung für die Teilnahme am Therapie­programm sind der Motivationsaufbau und die freiwillige Entscheidung für ein bestimmtes Setting und Regeln, die im Therapievertrag festgelegt sind. Dabei ist ein Haupt­ziel das Erreichen eines stabilen, gesunden Ess- und Ernährungs­verhaltens und Gewichtes.

Der Therapievertrag für anorektische Patientinnen und Patienten setzt einen Mindestaufenthalt von 6 Wochen in unserer Rehaklinik voraus. Weiterhin wird die regel­mäßige Teilnahme an allen verordneten Thera­pien (insbesondere Essstörungsgruppe, Lehr­küche, Kör­per- und Kunsttherapie) festgelegt. Mit dem Thera­peuten/der Therapeutin wird eine wöchent­liche Ge­wichts­zunahme von mindestens 500 g und das Er­rei­chen eines Mindestzielgewichts vereinbart. Bei Nicht­er­rei­chen der ver­ein­barten wöchentlichen Gewichts­zunahme findet die zu­nehmen­de Einschrän­kung der Patienten in verschiedenen Aktivitäten statt, bis wieder eine Gewichtszunahme erfolgt. Die Mahlzei­ten sollen alle im Speisesaal eingenommen werden, wobei Sonderwünschen nicht entsprochen wird. In der Lehrküche sollten sich die Patientinnen auf bisher ungewohnte Verhaltensweisen bei der Zubereitung und beim Verzehr von Essen einlassen. Zur besseren Übersicht und zur Analyse von Essensabläufen führen die Betroffenen mindestens eine Woche lang ein Essprotokoll.

Für bulimische Patientinnen und Patienten gilt ein ähn­licher Thera­pievertrag ohne Gewichtszunahme­ver­einbarung, je­doch, falls erforderlich, mit der Vereinbarung über ein zu hal­tendes Mindestgewicht.

Wichtig ist die Einbeziehung des familiären Umfeldes, wenn möglich bei Besuchen, bei An- oder Abreise so­wie an eventuell konkret vereinbarten Terminen. Hier können Familienmitglieder entlastet, Themen wie Autonomie und Abgrenzung angesprochen und eine verbesserte Gestaltung der familiären Bezieh­ungen erreicht werden.

Essstörungen – Das Therapieprogramm im Überblick

  • Medizinische Aufnahmeuntersuchung
  • Aufnahmegespräch
  • Psychotherapeutische Einzelgespräche
  • Therapievertrag
  • Gewichtskontrolle
  • Lehrküche
  • Körpertherapie
  • Kunsttherapie
  • Analyse des Essverhaltens
  • Familiengespräche
  • Entspannungstherapie
  • Belastungserprobung und berufliche Beratung
  • Bewegungstherapie
  • Physiotherapie